Beim letzten Mal haben wir euch die Lage der Vereinbarkeit von Familie und Beruf in Deutschland aufgezeigt, in diesem Teil der Reihe soll es nun um Arbeitsmodelle aus dem Ausland gehen. Aber wohin sollte man blicken? In Österreich etwa sind die Bedingungen leider auch nicht viel besser. Zwar wurde Anfang 2015 eine 48 Stunden Woche eingeführt, bei der praktischen Umsetzung hapert es allerdings noch. Da nicht genug Ärzte vorhanden sind um den nötigen Schichtdienst zu leisten, leidet darunter vielerorts die Versorgung der Patienten. Ein weiterer Nachteil dieser Arbeitszeitverkürzung sind die Gehaltseinbußen vieler Jungmediziner um bis zu 30%. Insgesamt kämpft Österreich mit denselben Problemen wie Deutschland: der Nachwuchs ist immer unzufriedener und geht ins Ausland. Den Ergebnissen einer kürzlich veröffentlichten Umfrage zufolge beabsichtigen gut 50% der Medizinstudenten in Österreich nach ihrem Studium die Abwanderung ins Ausland. Neben dem Gehalt zählten auch die Arbeitsbedingungen zu den Hauptgründen für die Auswanderungsabsicht. Dabei zieht es die Nachwuchsmediziner unter anderem in die Schweiz.

Familie und Beruf in der Schweiz

Flagge SchweizIm Land der Banken und der Schokolade wird im Großen und Ganzen darauf geachtet, dass die vorgeschriebene maximale Wochenarbeitszeit von 50 Stunden nicht überschritten wird. Natürlich ist der Arztberuf auch hier hart und die Nachtdienste anstrengend. Die Frage ist aber, welchen finanziellen und zeitlichen Ausgleich es gibt. Hier ist die Schweiz im Vorteil, da Überstunden in der Regel bezahlt werden und es für Nachtdienste einen angemessenen Freizeitausgleich gibt. Außerdem dürfen pro Jahr max. 140 Überstunden geleistet werden, egal ob mit oder ohne Ausgleich. Hinzu kommt, dass strukturierte Fortbildungen während der Arbeitszeit stattfinden und es einen gesonderten Weiterbildungsurlaub von einer Woche gibt. Zudem werden meist verschiedene Möglichkeiten angeboten, in Teilzeit zu arbeiten. Von 30% bis 100%-Stellen ist hier alles möglich und oft wird bereits beim Bewerbungsgespräch danach gefragt. Nicht direkt bedeutsam für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie, aber bedeutsam für den Arbeitsalltag, ist die Einhaltung von regelmäßigen Zeiten für Frühstück, Mittag und Kaffee. Wer bereits während der Dienstzeit geregelte Pausen hat, ist am Ende des Tages unter Umständen weniger gestresst, wenn er abends zu seiner Familie nach Hause geht.

Jobsharing

Einen weiteren interessanten Ansatz, um die Work-Life-Balance zu verbessern, bietet die Schweizer Website aerzteteilzeit.ch: Hier werden nicht nur konkrete Teilzeitstellenangebote angeboten sondern auch Partner für eine Stelle im Jobsharing vermittelt. „Jobsharing“ meint, dass sich 2 Mediziner auf eine ausgeschriebene Vollzeitstelle bewerben und auf diesem Weg daraus eine 50% Stelle machen. Damit das Jobsharing funktionieren kann, bedarf es allerdings einer guten Planung auf Seiten der Krankenhäuser (z.B. durch einen entsprechend strukturierten Dienstplan) und ein gut eingespieltes Team. Ist beides gewährleistet, profitieren die Ärztinnen und Ärzte von individuell abgestimmten Arbeitszeiten und die Krankenhäuser von einer höheren Kapazität bei verstärktem Arbeitsaufkommen, besserem Ausgleich von Urlaubs- und Krankheitszeiten eines Jobsharing-Partners und einem Wissenserhalt im Falle eines Ausscheidens von Mitarbeitern. Auch wenn bei weitem nicht alle Kliniken in der Schweiz dieses Modell anbieten, so ist es doch ein interessanter und innovativer Weg, um Ärztinnen und Ärzten die nötige Flexibilität zu geben. Ein ähnliches Projekt wie aerzteteilzeit.ch für Deutschland ist mit arztinteilzeit.de zuletzt übrigens gescheitert.

Es ist nicht alles Gold, was glänzt

All diese Regelungen in der Schweiz klingen zunächst erst einmal toll, allerdings sei dazu gesagt, dass die Bedingungen längst nicht in jeder Klinik so gut sind. Natürlich gibt es auch hier Negativbeispiele, bei denen etwa die 50 Stunden Woche nicht eingehalten wird oder 24-Stunden-Dienste geleistet werden müssen. Familienfreundlichkeit von Krankenhäusern ist genau wie in Deutschland noch keine Selbstverständlichkeit und so gibt es in der Schweiz immer wieder Projekte und Broschüren, die zu einer besseren Vereinbarkeit von Familie und Beruf beitragen möchten. In einer Studie von 2013 wurde etwa festgestellt, dass die wenigsten Krankenhäuser auf ihrer Website auf familienfreundliche Angebote hinweisen. Ein allgemeines Bewusstsein für die Relevanz von flexiblen Arbeitszeiten und guter Kinderbetreuung scheint hier noch nicht flächendeckend ausgebildet zu sein. Auch was das Jobsharing betrifft liefert die Studie eher ernüchternde Zahlen: in weniger als der Hälfte der auf die Studie antwortenden Kliniken fand dieses Modell Anwendung. Zudem ist die Akzeptanz für das Jobsharing verhältnismäßig höher, wenn der Jobsharing-Partner durch den Arbeitgeber gesucht wird. Eine externe Lösung, wie sie aerzteteilzeit.ch anbietet, scheint also seltener zum Ziel zu führen. Man könnte also insgesamt sagen, dass das Problem der Vereinbarkeit von Familie und Beruf in der Schweiz ebenfalls nicht großflächig gelöst ist, sondern nur die Ansätze tendenziell weiter fortgeschritten sind, als dies in Deutschland der Fall ist. Aber wo läuft es denn nun wirklich besser?

Schweden – Vorbild bei der Work-Life-Balance

Flagge SchwedenDas Skandinavische Land zeigt, dass Arztberuf und familienfreundliche Arbeitszeiten kombinierbar sind. In Schweden (und übrigens auch in Norwegen) haben Mediziner eine 40 Stunden Woche, darin sind die Schichtdienste bereits enthalten. Für Wochenenddienst gibt es entweder 200% Stundenausgleich (d.h. für 4 Stunden Bereitschaft am Sonntag bekommt man einen ganzen Tag frei) oder 240% Entlohnung. Der pünktliche Feierabend nach 8 Stunden Arbeit ist hier selbstverständlich und gewährleistet, dass der späte Nachmittag und Abend daheim mit der Familie verbracht werden kann. Sollten doch einmal Überstunden geleistet werden, so werden diese in Schweden zum Teil ausbezahlt und zum Teil auf die Freizeit angerechnet. Außerdem hat jeder schwedische Arzt das Recht auf vier Wochen Sommerurlaub am Stück und die Weiterbildungszeit zählt ähnlich wie in der Schweiz zur Arbeitszeit. Das Verständnis für familiäre Verpflichtungen ist allgemein sehr hoch, Verspätungen wegen kranker Kinder oder das Wahrnehmen der Elternzeit werden nicht verurteilt. Das Elternurlaubssystem in Schweden ist zudem sehr flexibel und gewährt den Eltern Anrecht auf bis zu 16 Monate bezahlten Urlaub pro Kind in dessen ersten 18 Lebensmonaten. Während je zwei Monate jedem Elternteil fest zustehen, können die restlichen 12 Monate untereinander aufgeteilt werden. Neben der flexiblen Elternzeit und den planbaren Arbeitszeiten ist auch die Kinderbetreuung in Schweden gut organisiert und vor allem günstig – ca. 150€ kostet hier ein Kitaplatz im Monat. Genau wie in der Schweiz sind die Pausen im Klinikalltag besser geregelt und werden genau eingehalten. Zu der regelmäßigen Mittagspause gibt es meist noch zwei feste Kaffeepausen – „fika“ auf Schwedisch. Nur selten fallen diese einem zu vollen Terminplan zum Opfer.

Wie kann das funktionieren?

Dass all dies funktionieren kann, liegt unter anderem an der Organisation des Gesundheitswesens. Niedergelassene Ärzte mit einer eigenen Praxis gibt es in Schweden nicht, alle Ärzte und Ärztinnen sind festangestellt und in Grundversorgungszentren organisiert. Dadurch entfällt der sonst bei Niederlassungen übliche wirtschaftliche Druck und es bleibt mehr Zeit für die Patienten. Außerdem melden sich die Patienten zuerst telefonisch bei einer Distriktschwester an. Diese entscheidet je nach Fall, ob sie den Patienten an den zuständigen Arzt überweist oder ob sie bei leichten Infekten und banalen Verletzungen eigenständig die Versorgung übernimmt. Dadurch wird der Arzt entlastet und kommt so im Schnitt auf 12 bis 14 Patientenkontakte am Tag. In den Krankenhäusern profitiert man hingegen von sehr gut ausgebildeten Krankenschwestern, die die Universität besucht haben müssen und daher viele Tätigkeiten wie Blutabnahmen etc. selbständig ausüben können. Auch das entlastet die Ärzte und trägt dazu bei, dass pünktlich Feierabend gemacht werden kann.

Fazit

Ihr seht also, dass es durchaus interessante und praktikable Modelle gibt, um als Mediziner Familie und Beruf vereinen zu können. In Ländern wie Österreich oder der Schweiz ist man mit der Umsetzung mehr (Schweiz) oder weniger (Österreich) weit fortgeschritten, während in den Skandinavischen Ländern bereits eine flächendeckende Familienfreundlichkeit im Gesundheitswesen vorhanden ist. Da das schwedische Gesundheitssystem jedoch grundsätzlich anders Aufgebaut ist als das deutsche, lassen sich diese Lösungen natürlich nicht so ohne weiteres auf uns übertragen. Immerhin sind wir hier in Deutschland ja nicht völlig ohne Ideen, wir haben euch ja bereits im ersten Teil dieser Reihe gute Ansätze für deutsche Krankenhäuser vorgestellt. Die Umsetzung wird sich aber auch in Zukunft schwierig gestalten und noch einige Zeit in Anspruch nehmen.

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