Kaum ein Thema in der Medizin sorgt für so viel Zündstoff für heiße Diskussionen wie Impfungen. Immer wieder wird sich die Frage gestellt, in wie weit es Säuglingen zumutbar ist, sich mit gerade einmal 3 Monaten gleich mit sechs verschiedenen Krankheitserregern auseinander zu setzen und auch die Sorge vor Nebenwirkungen ist groß. Im Gegensatz dazu steht der nicht zu verleugnende Nutzen von Impfungen für den einzelnen aber auch für die gesamte Gesellschaft, denn Impfungen bieten Schutz vor schweren Infektionskrankheiten und deren Spätfolgen. Der Ausbruch der Masern in Berlin, der weiterhin nicht unter Kontrolle ist, hat die Impfdiskussion hierzulande neu entfacht. Selbst die Einführung einer Impfpflicht durch die Politik scheint kein Tabu mehr zu sein.

Grund für uns, einmal auf den Ursprung von Impfungen zu schauen. Wie kam es überhaupt zur ersten Impfung? Dass es die Möglichkeit gibt, Menschen gegen schwere Infektionskrankheiten zu immunisieren, verdankt die moderne Medizin den Beobachtungen und Versuchen des britischen Landarztes und Chirurgen Edward Jenner.

Die Entdeckung der Pockenimpfung durch Edward Jenner

Portrait von Edward Jenner (http://portrait.kaar.at)Edward Jenner (1749-1823) gilt als Entdecker der Pockenimpfung, mit deren Hilfe Millionen von Menschen vor dem Tod bewahrt werden konnten. Die Pocken waren eine seit dem 15. Jahrhundert auf der ganzen Welt verbreitete Infektionskrankheit, die in jedem 3. Fall tödlich endete. Verbreitet wurde sie durch Tröpfcheninfektion und auch durch Staub, sodass das Ausschütteln des Bettlakens einer erkrankten Person ebenfalls zur Ansteckung führen konnte. Wer betroffen war, litt unter Fieber und bekam eitrige Pusteln auf dem ganzen Körper, vor allem aber im Gesicht. Überlebende wurden durch die Pockennarben entstellt und mussten mit weiteren Folgeschäden wie Lähmungen, Hirnschäden, Taubheit oder Blindheit rechnen. Bereits vor Jenner wurde versucht, die Krankheit mit Hilfe der Variolation zu bekämpfen. Bei diesem Verfahren wurde die Eiterflüssigkeit aus Pocken von nur leicht erkrankten Menschen entnommen und mit einer Nadel auf Gesunde übertragen. Allerdings barg diese Form der „Impfung“ die Gefahr, dass die geimpften doch stärker an den Pocken erkrankten und im schlimmsten Fall starben. Manchmal wurden Pockenepidemien durch die Variolation überhaupt erst ausgelöst. Einen wirklich sicheren Schutz gab es also nicht und das sollte sich erst mit Jenner ändern.

Centers for Disease Control and Prevention's Public Health Image Library (PHIL), identification number #1849

„Smallpox virus virions TEM PHIL 1849“ CDC/ Dr. Fred Murphy; Sylvia Whitfield Centers for Disease Control and Prevention’s Public Health Image Library (PHIL), identification number #1849

Edward Jenner wurde am 17.05.1749 im Südwesten Englands geboren, studierte Medizin in London und kehrte 1773 in seinen Heimatort zurück, um dort eine Landarztpraxis zu eröffnen. Bei der Arbeit in seiner Praxis hatte Jenner beobachtet, dass häufig Melkfrauen zu ihm kamen, die nur an einer leichten Form der Pocken litten. Da meist nur die Hände betroffen waren, schloss Jenner darauf, dass diese Art der Erkrankung vom Melken der Kühe herrühren musste und dass die Kuh-Pocken auf den Menschen übertragen wurden. Viel wichtiger als die Erkenntnis, dass die Krankheit vom Tier auf den Mensch übertragen werden konnte, war jedoch die Beobachtung, dass die von Kuh-Pocken betroffenen Melkerinnen nach ihrer Genesung nie an den unter Menschen verbreiteten Pockeninfektionen erkrankten. Selbst bei den im 18. Jahrhundert verstärkt auftretenden Pockenepidemien blieben sie gesund. Die Kuh-Pocken schienen also den menschlichen Körper gegen die echten Pocken zu immunisieren. Um seine Vermutung zu bestätigen, entschied sich Jenner nach jahrelanger Beobachtung, den Versuch am Menschen zu wagen. Am 14. Mai 1796 infizierte er daher absichtlich den achtjährigen James Phipps – den Sohn seines Gärtners – mit dem Kuh-Pockenerreger. Dazu entnahm er wie bei der Variolation den Eiter aus einem Pockenbläschen einer an Kuh-Pocken erkrankten Melkerin und übertrug die Flüssigkeit über kleine Hautritzen am Arm auf den Jungen. James folgende Erkrankung verlief wie erwartet harmlos und war bald auskuriert. Es gab keine Pusteln im Gesicht und daher auch keine entstellenden Narben und von dem Jungen ging während seiner Erkrankung keine Ansteckungsgefahr aus. Das Risiko bei einer Kuh-Pockeninfektion war also minimal. Um seine These bezüglich der Schutzwirkung zu überprüfen, musste Jenner allerdings nun einen Schritt weitergehen und den Jungen auf die gleiche Weise mit den echten Pockenerregern infizieren. Es folgten Tage voller Zweifel und Ungewissheit, doch James wurde nicht krank. Jenner hatte durch dieses riskante Menschenexperiment bewiesen, dass eine vorherige Kuh-Pocken Erkrankung den Menschen vor den gefährlichen Pocken schützen konnte. Natürlich verstand noch er noch nicht, wie genau das funktionieren konnte, aber für den Erfolg seiner Methode war dies auch nicht entscheidend.

Fun fact am Rande: Den gewissermaßen „tierischen“ Ursprung dieser Impfmethode findet man übrigens im heute noch gebräuchlichen Wort „Vakzination“ wieder, das vom lateinischen Word für Kuh – vacca – stammt.

In der Fachwelt seiner Zeit stieß Jenner jedoch zunächst auf Skepsis, niemand hatte es bisher für möglich gehalten, dass Erkrankungen von Tieren mit denen von Menschen zusammenhängen könnten. Manch abergläubische Zeitgenosse fürchtet gar, durch die absichtliche Infektion mit Kuh-Pocken selbst zur Kuh zu werden. Mit der Zeit zeigte sich aber die Wirksamkeit von Jenners Vakzination und so wurde sie bald in ganz Europa durchgeführt. Ohne es genauer zu wissen hatte Jenner also die aktive Impfung entdeckt und damit ein neues Kapitel in der Geschichte der Medizin aufgeschlagen. Letztlich ist es Edward Jenner zu verdanken, dass die Pocken am 08. Mai 1980 durch die WHO als ausgerottet bezeichnet werden konnten. Zu Recht lässt sich hier also von einer Sternstunde der Medizin sprechen.

Bis zum nächsten Mal!

Euer Marcel

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